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Brachte sie schlechte Noten nach Hause, drohte das Schlimmste: Der Vater nahm ihr den Lötkolben weg. "Ohne den war ich völlig aufgeschmissen", sagt Hanna von Hoerner. Mit sechs Jahren bastelte sie ihr erstes Radio. Mit acht investierte sie ihr Taschengeld in Elektronikschrott, zerlegte Staubsauger und Dynamos. Mit zehn fertigte sie eine 220-Volt-Lightshow fürs Kasperletheater. Der Entzug des Lötkolbens war die einzige Möglichkeit, sie an den Schreibtisch zu zwingen: "Ich wollte ständig irrsinnige Apparate bauen, die irgendwas Tolles können."
Dieses Ziel hat sie erreicht. Seit 1999 rauscht ihr "Cometary and Interstellar Dust Analyzer" mit der Nasa-Mission "Stardust" durchs All. Nächstes Jahr wird die Sonde beim Kometen "Wild 2" ankommen. Der Dust-Analyzer wird kleinste Partikel Kometenstaub einfangen, sie chemisch untersuchen und die Ergebnisse zur Erde funken.
Mit 20 Mitarbeitern und einem Umsatz von knapp 8 Mio. Euro ist die Firma der 60-Jährigen im badischen Schwetzingen eine Besonderheit. Denn es gibt in Deutschland keinen kleineren Betrieb, der von der Machbarkeitsstudie für Weltraumexperimente bis zum flugtauglichen Gerät alles anbietet. Und sich seit über 30 Jahren gegen Großkonzerne behauptet. Astrium, Alcatel-Space und Alenia teilen die europäischen Raumfahrtprojekte ansonsten fast komplett unter sich auf.
Mit Aufträgen an Hoerner sei er immer "sehr gut gefahren", sagt Hugo Fechtig. Er war bis 1994 Direktor am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik. Wenn sie etwas sage, stecke "schon was dahinter." Kometen sind deshalb interessant, weil sie noch heute aus der gleichen Materie bestehen wie die Erde zu Beginn ihrer Entwicklung. Von Hoerners Analysen geben also Auskunft über den Urzustand der Erde.
Rauchige Stimme und glänzende Augen
Die Neugier hat sie von ihrem Vater geerbt. Sebastian von Hoerner war selbst renommierter Astrophysiker. Und die Begeisterung für die über fünf Milliarden Jahre alten Kometen hat seine Tochter jung gehalten. Durch ihre weißen Haare mit dem linealgeraden Pony schimmert noch immer das dunkle Braun von früher. Wenn ihre rauchige Stimme von Nanometern, Plasma-Spektroskopie und Alphastrahlen erzählt, verbinden sich langjährige Erfahrung und jugendlicher Spieltrieb. Mit glänzenden Augen steuert sie den Weltraumroboter "Nanokhod" über die Pappmaché-Landschaft im Büroflur.
Im Jahr 2009 soll das 2,5 Kilo schwere Vehikel auf dem Planeten Merkur herumfahren. Die Vorfreude hat Hanna von Hoerner jetzt schon gepackt. Stolz zeigt sie, wie sich Nanokhod nach dem Umkippen aufrappelt. Führt vor, wie er einen Steilhang hochklettert, und lässt ihn genüsslich gegen die Wand fahren. "Ein dolles Ding."
Für den eigenen Fahrspaß hat sie sich zwei englische MG-Oldtimer zugelegt. Cabrios, versteht sich. "Ich will ja in den Himmel schauen." Auch beim Ausbau ihres Ferienhauses in Les Gaboins, einem Weindorf in der Provence, hat sie peinlich darauf geachtet, dass sie aus ihrer Badewanne in die Nacht gucken kann.
Tagsüber lässt sie klassische Musik und Flamenco durch die Reben dröhnen. "Nur wenn alle wissen, dass Hanna da ist, kann sie richtig relaxen", sagt Ferienhaus-Nachbar Derrik Lenzner. Er kennt sie seit Jahren. Schon auf seiner Abi-Fahrt hat er von ihrer Umtriebigkeit profitiert: "Damals hat sie meine Kumpels und mich in ihr Auto geladen und zur Weinprobe gekarrt", erinnert sich Lenzner. "Und zurück natürlich auch."
Mit Wodka zum Halleyschen Kometen
Die Trinkfestigkeit kam Hoerner auch beruflich zugute. Anfang der 80er planten die Sowjets eine Mission zum Halleyschen Kometen, der im März 1986 an der Erde vorbeiflog. Das Max-Planck-Institut wollte ein Experiment mitschicken. Den nötigen Respekt für die Verhandlungen verschaffte sich Hanna von Hoerner beim Wodka. Ex-Direktor Hugo Fechtig war mit ihr in Moskau und erinnert sich, wie sie nach der ersten Nacht in einer schäbigen Unterkunft auf den Tisch haute und ein besseres Quartier forderte. "Das war mitten im Kalten Krieg", sagt Fechtig, "so was hätte ich mich nie getraut." Der Einsatz von Nerven und Leber lohnte sich: Hoerner bekam ein gutes Zimmer und ihr Dust-Analyzer war beim Abschuss der Mission an Bord.
In den 70er Jahren war sie verheiratet, Kinder hat sie nicht. "Meine Geräte sind wie Babys für mich", sagt sie. Ihre Entwicklung dauert Jahre. Wenn man so lange mit ihnen zusammengelebt habe, "möchte man sie eigentlich gar nicht mehr hergeben". Dennoch seien es die schönsten Momente, wenn eines der Babys im Weltraum unterwegs ist und "genau das tut, was man möchte".
Und so hofft sie auf die Rosetta-Mission der europäischen Raumfahrtbehörde Esa. Mit Rosetta soll erstmals eine Raumsonde auf einem Kometen landen: auf "Wirtanen", fünf mal so weit von der Erde entfernt wie die Sonne. Und wieder einer von Hoerners Dust-Analyzern mit dabei. Der geplante Start Mitte Januar wurde wegen Triebwerksproblemen der Trägerrakete verschoben. Jetzt spekuliert die Esa auf einen Abschuss im Januar 2004. Klappt der zweite Anlauf, könnte Rosetta 2012 auf Wirtanen sein. Dann wäre Hanna von Hoerner 70 Jahre alt, könnte ans Aufhören denken. Die Umlaufbahn ihrer Karriere, die mit dem Lötkolben in der Kinderhand begann, würde sich schließen: "Das wäre mein Traum."
Forschungsdrang
Amerika 1962 geht die Familie in die USA. Hanna von Hoerner wird Elektroingenieurin und forscht am Radioteleskop in Green Banks/West Virginia - seinerzeit das größte der Welt.
Europa Sie studiert in Heidelberg Physik. Ihre Promotion schreibt sie über Strahlungen in der Ionosphäre. Im Norden Norwegens schießen ausgemusterte Nato-Raketen ihre Experimente in über 110 Kilometer Höhe.
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